Kaufgröße gleich Nähgröße?

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In meinem Alltag als Schnittmustererstellerin begegnet mir immer wieder ein Thema, das mich ganz besonders beschäftigt. Dabei handelt es sich um die sogenannte Kaufgröße, also die Größe, die im Laden passt und dementsprechend eben auch gekauft wird. Im gleichen Zusammenhang stoße ich immer mal wieder auf die Forderungen an uns Schnittersteller/innen, unsere Schnitte dementsprechend anzupassen, das kann doch nicht so schwierig sein. Und genau da liegt die Krux in der Geschichte. Den Gedanken dahinter kann ich aber natürlich absolut nachvollziehen.

Mein heutiger Blogbeitrag stellt den Auftakt einer neuen Beitragsserie dar. Ich möchte euch nämlich zeigen, wie leicht ihr eure gekauften Schnitte an eure ganz eigene Figur anpassen könnt, um ein wirkliches Unikat zu zaubern. Aber warum soll das eigentlich notwendig sein?

Wir sind alle einzigartig

Ja, diese Frage kann ich ganz einfach beantworten. Wir alle sind doch ganz unterschiedlich und schön auf unsere ganz besondere eigene Weise. Die eine hat eine schmale Taille und wenig Po, die nächste eine große Brust, kaum Taille und eine ausgeprägte Hüfte. Und warum einfach, wenn es nicht auch noch komplizierter geht, unterscheiden wir uns nicht nur in Brust, Taille, Bauch, Hüfte und Po, nein wir sind auch noch unterschiedlich groß und die eine hat lange Beine und die nächste lange Arme oder einen langen Oberkörper. Schön wäre es jetzt, wenn wir alle unsere verschiedenen Körper in ein und die selbe Tabelle stecken können.

Standard-Idealfigur

Das gute daran: so eine Tabelle gibt es sogar. Diese Tabelle bildet die Standard-Idealfigur ab. Diese Figur ist eine Mischung aus vielen verschiedenen Figurtypen und orientiert sich nach dem aktuellen gesellschaftlichen Empfinden eines Ideals. Damit soll sichergestellt werden, dass die Mehrheit aller Kunden/innen zufrieden gestellt wird. Und damit dies auch so bleibt, wird die Standard-Idealfigur ständig neu entwickelt und angepasst. Dadurch entstehen aber auch immer wieder neue Tabellen und Werte zur Orientierung. Und hey, wer kann schon von sich behaupten, dass man absolut der Standard-Idealfigur entspricht? Also ich kann guten Gewissens von mir sagen, dass ich da nicht exakt rein passe und das finde ich auch gar nicht schlimm. Es ist doch viel wichtiger, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle, aber ich schweife ab.

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Kundenbindung

Jetzt könnte man meinen, dass alle Schnittersteller und Händler einfach nach ein und der selben Tabelle ihre Kleidungsstücke entwerfen könnten, aber dabei spielt noch etwas anderes eine Rolle – nämlich die Kundenbindung. Stellt euch mal vor, ihr habt eine Lieblingsschnitterstellerin, weil sie so schöne Schnitte entwickelt und diese euch eben auch immer so gut passen, ihr euch nicht mehr ausmessen müsst und ganz genau wisst, wie ihr bei ihren Schnitten den Stoff zuschneiden müsst. Aber was wäre, wenn sie so einfach von heute auf morgen ihre Schnitte nach einer neuen angepassten Tabelle entwirft und euch jetzt überhaupt nichts mehr passt – bleibt sie dann immer noch eure Lieblingsschnitterstellerin? Wahrscheinlich nicht, oder? Bei den Unternehmen ist das ganz genauso. Und so hat eben jedes Unternehmen und jede Schnitterstellerin seine ganz eigene Tabelle. Zum Vergleich habe ich euch mal die Maße von vier sehr großen und bekannten Unternehmen in den Größen 36 und 46 rausgesucht und die Werte meiner Tabelle daneben gesetzt.

Größe 36

1

2

3

4

Meine Tabelle

Brust

84

86

86

83

84

Taille

68

70

66

66

68

Hüfte

92

94

94

90

94

Größe 46

1

2

3

4

Meine Tabelle

Brust

104

110

106

109

104

Taille

88

94

86

94

88

Hüfte

112

118

114

116

109

Wie ihr seht, weichen diese doch schon ziemlich stark voneinander ab, was oftmals schon eine Größe mehr oder weniger ausmachen kann. Demzufolge ist Kaufgröße in dem einen Unternehmen nicht einmal gleich Kaufgröße in einem anderen. Wie soll dann Kaufgröße gleich Nähgröße sein?

Eigenes Empfinden spielt auch eine Rolle

Um es noch ein bisschen schwieriger zu machen, kommt auch noch das eigene Empfinden der Passform mit dazu. Gerade bei Jersey spielt dies auch noch eine sehr entscheidende Rolle, da dieser durch seine Dehnbarkeit einige Abweichungen in den Maßen verzeiht.

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Nehmen wir mal ein einfaches, tailliertes und körpernahes Shirt. Dann kommen zwei Frauen, beide sind sehr ähnlich gebaut und haben laut Tabelle eigentlich eine Größe 38. Während die eine ihre Kleidung eher etwas legerer und weiter mag, trägt die andere ihre Shirts doch lieber eng und figurbetont. Da dieses Shirt eben aus einem dehnbaren Stoff ist, ist dies auch absolut möglich. Jetzt wird die erste höchstwahrscheinlich eine Größe 40 bevorzugen und die zweite Dame wohl eher mit einer 36 aus dem Laden gehen – und das obwohl beide laut Tabelle eigentlich eine 38 hätten.

Nicht nur Damen – Kinder auch

Jetzt könnte man sagen, ach naja, das sind ja jetzt die Damengrößen – bei den Kindern ist das ja viel einfacher. Auch gilt leider der Grundsatz kein Kind gleicht dem anderen – nicht umsonst gibt es mittlerweile auch plus size-Größen für Kinder. Ich selbst habe sogar zwei verschiedene Fachbücher zur Erstellung von Schnittmustern mit zwei komplett unterschiedlichen Tabellen. Zusätzlich unterscheiden sich Jungen und Mädchen im Laufe ihres Wachstums in den Maßen ebenfalls. Deshalb gibt es bei mir ab Größe 86 eben auch nur Schnitte für Jungen oder Mädchen und nicht geschlechtsübergreifend.

Messt euch aus

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Ihr seht das Thema Kaufgröße gleich Nähgröße ist doch nicht so einfach wie man denkt. Deshalb bitte ich euch, messt euch am Besten vor dem Kauf eines Schnittes, aber auf jeden Fall vor dem Zuschneiden des Stoffes, aus und orientiert euch an der in der Anleitung stehenden Tabelle. Nur so könnt ihr euch ein wirklich tolles und einzigartiges Kleidungsstück zaubern.

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2 Kommentare zu „Kaufgröße gleich Nähgröße?

  1. Hallo

    Genau so ist es.
    Ich verstehe ohnehin nicht, weshalb man sich darüber aufregen kann. Das Schöne am Nähen ist doch auch, dass man kein Größenlabel hat.
    Meiner Schwiegermutter habe ich auch mal angeboten, ihr ein Etikett mit der Angabe „Größe 36“ einzunähen 😂😂
    Was mich allerdings verwundert, ist, dass einige Hobbynäherin ausmessen, diese Größe auch nähen und es dennoch „…viiiiiiel zu groß ist…“. Diese Diskrepanz kann ich mir nur wie folgt erklären:
    1. falsch ausgemessen (es ist schwierig, sich selbst zu vermessen)…
    2. anderes Material als vorgegeben verwendet oder mehr Elasthan-Anteil im Stoff…
    3. falsch zugeschnitten…

    Fällt dir noch was dazu ein?

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, selbst ausmessen ist manchmal wirklich nicht so leicht. Viel zu groß ist oftmals auch immer Auslegungssache, wie ich ja auch beschrieben habe. Wenn dann das SM als ein legerer Schnitt konstruiert wurde und man selbst nur enganliegende Kleidung trägt, dann habe ich auch das Gefühl, dass es viel zu groß ist. Ein simples weites T-Shirt kann man eben nicht mit einem körpernahen Top vergleichen. Also vergleichen schon, aber es bringt halt nichts.
      Oftmals ist es aber auch so, dass man in einem Wert zum Beispiel bei der Hüfte eine ganz andere Größe nähen müsste, als bei anderen Werten. Wenn dann das SM nicht auf die eigenen Maße angepasst wird, dann kann es aber auch passieren, dass es am Ende nicht richtig passt und zu eng oder zu weit ist.

      Liken

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